Alois Ullmann


Kellerröhren veredelnder Lehmgrabender

Copyright: Gabriele Dienstl. Erschienen in der "Weinviertlerin" Q3 2017.

Unser Ironman der Kellergasse

Ein Weinviertler Triathlon „Ironman der Kellergasse“ muss zwar erst erfunden werden, aber einen Sieganwärter gibt es bereits. Die drei Disziplinen sind unterirdische Gänge graben, Kübel mit Lehm schleppen, ein Kuppelgewölbe bauen.

Die Lebendigkeit von historischen Bauwerken steht und fällt mit Menschen, die sich ihrer annehmen und sie mit neuem Leben füllen. Menschen, die sich in die Lebensweise von vergangenen Arbeitswelten der Vorfahren hineinversetzen und zum Beispiel die Weinviertler Weinkeller erhalten, restaurieren oder sogar noch ausbauen. Sie sind unbezahlbare Botschafter dieser kulturellen Besonderheit des Weinviertels, die ihresgleichen weltweit nicht findet.

Ein solcherart mit dem Kellergassen Virus angesteckter Idealist ist Alois Ullmann aus Oberkreuzstetten. Um 500 Schilling kaufte er vor 20 Jahren eine verfallene Kellerröhre und macht daraus nun ein Lebenswerk, das sich mittlerweile bereits über zwei Weinkeller erstreckt. Fachgerecht und authentisch errichtete Eingangsbereiche, sogenannte Vorkappln, verbreiterte Kellerröhren und der Ausbau von Kellerräumen für den Aufenthalt größerer geselliger Runden, und diese wiederum verbunden durch eigens neu gegrabene Gänge, sind ein unglaubliches Zeugnis seiner Leidenschaft für die Kellergasse.

Der Lois, wie er im Ort genannt wird, renoviert und erweitert mit Kraft seiner Hände wie in alten Zeiten die Weinkeller. Dafür hat er eigens ein schaberähnliches Werkzeug mit Holzknauf kreiert, mit dem er den Lehm von den Wänden absticht, um Kellerräume zu verbreitern oder um völlig neue Gänge zu graben. Der Ironman der Kellergasse trägt dann kübelweise den abgestochenen Aushub aus seinem Keller die Stufen hinauf ins Freie. Letztes Jahr hat er auf diese Weise 2.500 Lehmkübel ans Tageslicht befördert. „Das war aber eher wenig, denn in den Jahren davor habe ich viel mehr abgegraben. Für mich sind die beiden Weinkeller mein Fitness Studio“, erklärt Ullmann, der meist barfuß im zehn Grad kühlen Lehmkeller werkt und erstaunlicherweise trotzdem braungebrannt ist. So ist mittlerweile ein Krypta-ähnlicher Raum mit gemauertem Kuppelgewölbe aus alten Ziegeln entstanden, mit Ausnehmungen in den Wänden für Kerzen und besondere historische Fundstücke, und romanisch wirkende Rundbögen geben dem Raum einen sakralen Charakter.

 

Ein Teil der Weinkellerwelt von Alois Ullmann: Foto: Markus Freudhofmaier

 

Der Lois ist mittlerweile auch zertifizierter Kellergassenführer, und seine G‘schichtln begeistern die Gäste. Er lässt eine Welt wieder auferstehen, wo Äcker per Handschlag bei einigen Achterln im Keller getauscht wurden, die Gschroppn ein paar Schillinge für gefangene Hamster oder ein Kilo Maikäfer bekamen und der Weinkeller die letzte Zufluchtsstätte vor den herannahenden Russen war und sich ein schutzsuchendes Mädchen mit Namen und Datum an den Lehmwänden verewigte.

 

17 Millionen Jahre alte Muscheln

Die Tourismus Beauftragten würden sich die Hände reiben: Ein warmes, tropisches Meer im Weinviertel, mit Delphinen und unzähligen schillernden Fischen, riesigen Austern und Milliarden von Muscheln, umsäumt von Sandstrand unter Mangrovenbäumen. Dieses leicht zu vermarktende Paradies gab es bei uns tatsächlich! Wer dies nicht glaubt, fahre mit all seinen Zweifeln in die "Fossilienwelt Stetten" und erstaune. Besonders in der Umgebung von Kreuzstetten enthalten die Bodenschichten Muscheln, Schnecken, Seepocken, Seeigel und andere Stachelhäuter sowie Fische und Pflanzenreste. Auch Land- und Süßwasser Schnecken fehlen nicht. Wo finden sich beispielsweise diese sagenhaften, tropischen Sande und Muscheln? Natürlich im Keller vom Lois. An einer seiner Wände lassen sich anschaulich die verschiedenen Erdschichten begutachten und Kellerführer Lois wird nicht müde, diese seinen Gästen von der letzten Eiszeit bis zum tropischen Urmeer zu erklären. Ihm schwebt eine ganze Fossilien Ausstellung vor, wo er seine prähistorischen Fundstücke präsentieren kann. Sein Enthusiasmus hat auch die anderen Kellerbesitzer der Oberkreuzstetter Kellergasse angesteckt und diese ist aus ihrem Dornröschenschlaf schon lange wieder erwacht und lebt bei Kellergassenfesten, Trommelsessions und privaten Feiern wieder auf.

 

Wozu brauchen wir noch Kellergassen?

 

Auch hier ist vielerorts eine erfolgreiche Nachnutzung entstanden, besonders im Zusammenhang mit der Landesausstellung „Brot und Wein“ 2013 wurden durch ein EU gefördertes Projekt insgesamt sechs Schau- und Erlebniskeller konzipiert. Diese widmen sich den Themen Wein oder der Entstehung der Kellergassen, oder den geschichtlichen Ereignissen welche sich hier zugetragen haben. „In Kriegszeiten hat die Bevölkerung in den Kellern Schutz gesucht, vor allem Frauen und Mädchen haben oft tagelang darin ausgeharrt. Bei unseren Kellergassenführungen in Poysdorf sind viele Ausstellungsstücke aus dieser Zeit erhalten, beispielsweise eine Kellertür mit einer Inschrift in Russisch: VORSICHT CHOLERA. Die russischen Soldaten haben diese Türe niemals geöffnet“, berichtet Joachim Maly, der selbst begeisterter Kellergassenführer ist.

Maly selbst ist ein zugereister Weinviertler, der vor Jahren noch eine Zeit erlebte, in der auf die alten Kellergassen kein Wert gelegt wurde, als diese verfielen oder mit teils schlimmen Bausünden verschandelt wurden. „Mich fasziniert die Kombination aus schlichter Architektur und Bescheidenheit, die sich jedoch mit einem enormen Nutzungsgrad für die bäuerliche Bevölkerung vereint“, so Maly. Er ist überzeugt, dass diese Kulturgüter für Touristen ein hochwertiges Freizeitangebot darstellen, und vor allem mit der gelebten Tradition der Weinherstellung von den Weinviertler Winzerfamilien einen authentischen und harmonischen Gesamteindruck bieten.

 

Dass man im Weinviertel nur mit einer Schaufel ganze unterirdische Höhlensysteme graben kann, liegt an der Beschaffenheit des Bodens. In den Eiszeiten wurde Gesteinsmaterial von Gletschern zermahlen und durch Gletscherbäche oder Schmelzwässer des heutigen Alpengebietes in den Ebenen abgelagert. Aus diesem feinsten Gesteinsstaub entstand der Löss, der trocknete aus und wurde  von starken Winden verweht, besonders ins Weinviertel. Diese Löss Sande wurden hier dünenartig aufgeschichtet und formen heute die charakteristische Weinviertler Hügellandschaft, wo sich an den Ostseiten der Dünen mehr Material findet und diese sanfter ansteigt als die Westseite. Löss hat sich nach der Ablagerung im Boden aber meist weiter verändert, und mit Lehm vermischt und verdichtet ist es heute trotz seiner feinen Körnung ein äußerst stabiles und kompaktes Material, das die vor Jahrhunderten gegrabenen Gänge bombenfest erhalten hat.

 

Apropos bombenfest.

 

Geburtsort: Weinkeller in Enzersdorf bei Staatz. Diese Aussage trifft zumindest für eine Weinviertlerin zu, berichtet Ulrike Wraneschitz. Die vielseitig interessierte Mitarbeiterin des Weinviertel Tourismus und Gemeinderätin hat bereits vor rund 25 Jahren begonnen, die Geschichte und G’schichtln rund um die Weinviertler Kellergassen aufzuarbeiten. „Ich bin stundenlang mit den alten Männern beim Frühschoppen gesessen und hab mir ihre Schilderungen immer fasziniert angehört. Männer können übrigens noch besser tratschen als Frauen. Danach ging ich in den Archiven ans Recherchieren, denn oft waren diese Erzählungen schon legendhaft verändert und vor allem waren sie zeitlich nicht zugeordnet“, beschreibt Wraneschitz ihre Herangehensweise der historischen Aufarbeitung.

 

Die Hobby Historikern ist ein Quell an Fachwissen und bewahrt Erinnerungen an Weinviertler Originale, die sie durch ihre Erzählungen wieder auferstehen lässt. Da ist beispielsweise ihr Urgroßvater, der Rentmeister Frantz, seines Zeichens Gutsverwalter des damaligen Schlosses in Staatz. „In der Kellergasse wurde Politik gemacht und Geschäfte abgeschlossen“, schmunzelt sie“, da haben sich der Bürgermeister, der Lehrer und der Doktor getroffen und ein Fass Rotwein kommen lassen, und zwar aus Mailberg mit Musikbegleitung. Und dabei wurde gleichzeitig auch Geschäftliches mit Handschlag abgemacht und das hat gegolten.“ Ebenso haben für jenen besagten Rentmeister Frantz alljährlich die örtlichen Ratscherbuben eine Ehrenrunde gedreht und dafür eine Jause bekommen, so war sie, die gute alte Zeit. Wraneschitz erzählt weiter, dass sich ein echter Helnwein auf einer Wand eines Weinkellers am Schlichtenberg befindet. Gottfried Helnwein hat in der Staatzer Gegend Verwandte und malte als Achtjähriger bei einem seiner ländlichen Aufenthalte das Porträt eines Weinbauern auf jene Kellerwand. Dieses ist von einem lokalen Künstler farblich erneuert worden, aber immer noch im Original erkennbar. Das Presshaus, auf dem Gottfried Helwein gemalt hatte, gehörte seinem Großvater und befindet sich in Staatz am Schlichtenberg. Es ist nicht übersehbar, es befindet sich direkt am Ende der Straße .

 

Auf, auf, in die Wunderwelt der Kellergassen!

 

Führung mit Kellergassenführer Lois in der Kellergasse Oberkreuzstetten: fossilienkeller.at