Barbara A. Lehner


Poetry Slammerin, Schreiberin, Silberschmiedin, Latzhosenträgerin

Copyright: Gabriele Dienstl. Erschienen in der "Weinviertlerin" Q2 2018.

„Es schreibt mich...“

Sie verhält sich nicht nach Normen. Sie mag nicht in Schubladen gesteckt werden. Sie pfeift sich nix, um es öffentlichkeitstauglich auszudrücken. Sie ist mutig und in ihrem Hirnkastl stecken viele Worte und Bilder, und noch mehr Fantasie. Sie ist Barbara A. Lehner.

Ehrlich, wer von uns würde sich auf eine Bühne stellen und vor fünfhundert jungen Leuten die eigenen Gedanken zum Besten geben und sich danach einer Bewertung aussetzen? Wer würde das sogar mit 50+ Jahren tun? In einer Latzhose oder sonstigen schrägen Outfits???

Barbara A. Lehner aus Ernstbrunn tut das. Sie ist neben ihren vielen anderen Interessen und Fähigkeiten dem Poetry Slam verfallen. Poetry Slam, dahinter verbirgt sich das Vortragen eines selbstverfassten Textes vor Publikum mit einer nachfolgenden Bewertung nach Kriterien des Inhalts und der Art der Präsentation.

 

Seit einigen Jahren nimmt die kreative Mutter zweier erwachsener Kinder an solchen Veranstaltungen in Österreich teil, und reüssiert dabei mit ihren tiefgründigen Gedanken, scharfen Aussprüchen und überraschenden Pointen. „Meine Texte sind eine Mischung aus Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, Humor und Selbstironie“, erklärt Lehner, „und es freut mich besonders, wenn ich das Publikum fesseln kann, mit meinen Worten zumindest.“ Die Slam Szene ist eine junge Szene, auf der Bühne und im Publikum ist kaum jemand über 35, und da ist es umso erstaunlicher, dass Lehner immer bei den Top Bewerteten dabei ist. Wenn die Zuschauer mit einem 6er Tragerl Bier und Chips am Schoß mucksmäuschenstill und atemlos ihren Worten lauschen, steigt ihr das Glück in den Kopf. Poetry Slam Veranstaltungen in Wolkersdorf und in Graz hat Lehner sogar eindrucksvoll gewonnen.

 

Eigentlich hat Barbara A. Lehner Russisch/Englisch Dolmetsch studiert, jedoch bei einer Übersetzung über elektrische Fernthermometer aus dem Russischen ins Deutsche beschloss sie, dass ihr Brotberuf ein anderer werden sollte. Nach einer Ausbildung zur Sozialarbeiterin arbeitete sie über drei Jahre im Gefängnis Göllersdorf mit geistig abnormen Rechtsbrechern, und nach der Kinderpause wechselte sie in den Bereich der Sachwalterschaft, in dem sie auch heute noch tätig ist. Lehner resümiert: „Menschen habe mich schon immer interessiert. Warum ist jemand so geworden, welche Geschichte steckt dahinter?“ Und da wären wir schon wieder bei den Geschichten.

 

Kinderbuch und Erotik

 

Das Schreiben: eine langjährige Herzensangelegenheit der Vieldenkerin. Schon als Jugendliche schrieb Lehner in der Schule Gedichte, und bei einem frühen beruflichen Seminar zum Thema „Zielerreichung“ formulierte sie damals spontan: „Ich will ein Buch schreiben.“ Gleich auf der Heimfahrt nach der Veranstaltung begann sie im Zug zu schreiben, und hörte sozusagen nie mehr damit auf. Das Buch ist längst fertig, es wurde ein Kinderbuch zum Thema schlechtes Gewissen. Der wundervoll illustrierte Band „Jakob und der gewisse Herr Stinki“ bewegt auch die erwachsenen Vorleser zu Tränen der Rührung und des Lachens.

Aus der Feder der Autorin fließen lyrische Texte und erotische Geschichten, Theaterstücke und Miniaturen über das Menschliche im Menschen. „Ich mag Menschen. Ich will in meinen Beschreibungen niemanden vorführen, sondern einfach die Vielfältigkeit des menschlichen Spektrums einfangen.“ Ihre scheinbar unbändige Fantasie kommt der genauen Beobachterin zu Gute. Selbst während eines Kuraufenthaltes hält sie ihre Eindrücke fest, und es mischen sich zu den messerscharfen Beschreibungen von anderen Kurgästen auch Hypothesen über eine verscharrte Leiche im Kurpark oder das Treiben eines Kurgastes, an dessen Tür tagelang das Schild „Bitte nicht stören“ hängt. Barbara A. Lehner veröffentlicht Texte auf ihrer Webseite, in Blogs und in sozialen Medien, wo sich schon eine kleine Fangemeinde gebildet hat. „Das genügt mir, ich möchte mich nicht nach Verlegern richten und deren Sollvorgaben erfüllen“, meint sie.

 

Die Rampensau will manchmal raus

 

Dennoch hat Barbara A. Lehner erfolgreich Möglichkeiten gefunden, ihr Geschriebenes an die Frau und an den Mann zu bringen. Da sie es liebt, vor Publikum vorzutragen, liegt das Theater Spielen und das Abhalten von Lesungen auf der Hand. Gemeinsam mit einer langjährigen Theatergruppe namens „Riffblau“ in Langenzersdorf erarbeitet sie Theaterstücke zu brandaktuellen Themen mit unbestechlichem Blick dorthin, wo es weh tut, oder auch dorthin, wo es gut tut. Im Auftrag für Schauspiel Unterricht für Jugendliche schrieb sie jahrelang eigens Stücke für die jeweiligen Schauspiel Kurse, welche durch ihr zeitkritisches Themenspektrum die Jugendlichen nicht nur in Schauspiel, sondern auch in punkto Lebensweisheit voranbrachten.

Das etwas aus der Mode gekommene Wort „tolldreist“ hat für Barbara A. Lehner eine ganz aktuelle Bedeutung. Über ihre eigenen Blogbeiträge im Internet und durch Schmökern in anderen Blogs lernte sie zwei weitere begnadete Schreiberinnen kennen, und es entstand alsbald eine virtuelle Freundschaft, die dem ersten persönlichen Kennenlernen standhielt und sogar ein weiteres Projekt gebar: Die drei „Tolldreisten Weiber“ veranstalten nun mit ihren eigenen Texten szenische Lesungen auf der Bühne und lassen ihren sauberen und schmutzigen Fantasien freien Lauf. Die Themen reichen von den vielfältigen Stationen in einem Frauenleben bis zum Begriff des „Wartens“, denn fast jeder wartet doch auf etwas, oder? Auf den Zug, auf die große Liebe, auf den Tod oder auf den Zahnarzt.

 

Und dann noch Silber

 

Vor einigen Jahren traten zusätzlich noch das Design und die Herstellung von Silberschmuck in das Leben der vielseitigen Tausendsässin. Bei einem Silberschmiedekurs der Weinviertler Künstlerin Christine Mark war Barbara A. Lehner selbst überrascht, dass ihre vermeintlich zwei linken Hände Erstaunliches aus dem Edelmetall entstehen ließen. Auf die Pension warten und dann so richtig diesem Hobby frönen, das ist die Sache von Lehner nicht. Ein Plätzchen zu Hause für eine eigene Silberwerkstatt wurde geschaffen, und seither erblicken fast wöchentlich die ausgefallensten Ringe, Armbänder und Anhänger das Licht von Ernstbrunn. „Meine geplanten Schmuckstücke wandeln sich oft während der Arbeit in ganz etwas anderes, und besonders liebe ich die Kombination mit speziellen Hölzern. Es gibt sogar Silberschmuckstücke mit integrierten Pfirsichkernen von mir – das sieht wirklich großartig aus“, schwärmt die Kreativität in Persona. Lehner ist bewusst, dass sie zu einem guten Teil nur aufgrund der Unterstützung ihres Mannes die eigenen Interessen und Fähigkeiten ausleben kann, denn „er hat bei jeder neuen Idee von mir immer Interesse und Zustimmung gezeigt, es kam nie ein: was soll das schon wieder - und dafür bin ich sehr dankbar“, erklärt Lehner.

  

Barbara A. Lehner kennt die dunklen und schweren Seiten des Lebens, und hat die Gabe oder vielleicht besser ausgedrückt, den Drang, durch eigenes Schaffen ihr Leben und das von anderen zu bereichern und zu erheitern. Wie schön!